
Szenisches Fragen - Eine Inszenierung in 13 Bildern
Die Entwicklungen in den Biowissenschaften und der Medizin drängen die Politik zu weitreichenden Entscheidungen. Forschung an Embryonen, vorgeburtliche Diagnostik, Chancen und Risiken der modernen Medizin, gar Sterbehilfe – der Begriff der Bioethik erstreckt sich von der Verfügbarkeit menschlichen Lebens noch vor der Geburt bis zum Umgang mit alten und sterbenden Menschen. Bioethik stellt Fragen nach unserer Identität und unserem Selbstverständnis als Gesellschaft. Besonders betroffen von dieser Debatte sehen sich Menschen mit Behinderungen, denn auch alte Träume von der Perfektionierung des Menschen und der Abschaffung allen körperlichen Leids werden wieder wach.
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Vor diesem Hintergrund startete die Aktion Mensch im Oktober 2002 ihr 1000Fragen- Projekt. Mit Anzeigen, Plakaten und Kinospots forderte sie die Bevölkerung in Deutschland dazu auf, die Debatte über Bioethik nicht nur Politikern und Wissenschaftlern zu überlassen, sondern ihre eigenen, ganz persönlichen Fragen zu stellen. Denn die Entwicklungen in Biowissenschaften und Medizin und die Verhandlungen darüber, wie wir in Zukunft mit diesen Möglichkeiten umgehen möchten, berühren zentrale Fragen unseres Menschenbildes und die Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Entscheidungen darüber können nur auf der Grundlage eines breit angelegten Meinungsbildungsprozesses getroffen werden.
Zentrale Kommunikationsplattform des 1000Fragen-Projektes sind die Internetseiten unter www.1000fragen.de. Bis August 2003 haben mehr als eine halbe Million Menschen die Seiten besucht und 8500 Fragen sowie mehr als 35000 Kommentare hinterlassen. Sämtliche Fragen sowie ein kleiner Auszug aus den Kommentaren wurden jetzt von der Deutschen Verlags-Anstalt als Buch vorgelegt ("Was wollen wir, wenn alles möglich ist? Fragen zur Bioethik." Deutsche Verlags-Anstalt, München). In quantitativer Hinsicht gab es bisher kein Bürgerforum zu bioethischen Fragen, das auch nur annähernd mit dem 1000Fragen-Projekt vergleichbar wäre. Und auch inhaltlich hat das Projekt besondere Qualitäten: Weil die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Internet den Grad der Preisgabe ihrer eigenen Person bestimmen können – beispielsweise wählen sie selbst, ob ihre Frage unter ihrem vollständigen Namen, ihren Initialen oder einem Pseudonym veröffentlicht werden soll – sind die Beiträge meist von hoher Authentizität. Sie unterliegen keiner unmittelbaren sozialen Kontrolle und erfordern deshalb weniger Rücksichtnahme auf das vermeintlich sozial Erwünschte. Diese Unmittelbarkeit ermöglicht es, sehr nahe an die eigentlichen Gedanken und Gefühle der Fragenden heranzukommen. Andererseits ist die Wahrhaftigkeit der geschilderten Erfahrungen und freiwillig gegebenen Angaben zur Person natürlich nicht nachprüfbar.
Die große Fülle an Fragen und Kommentaren verstellt leicht den Blick auf den Wert, der jeder einzelnen Frage innewohnt – selbst dann, wenn der Absender ganz offensichtlich über die tatsächlichen medizinischen und technischen Möglichkeiten nur unzureichend informiert ist. Rund 85 Prozent der Fragestellerinnen und Fragesteller haben tatsächlich nur eine einzige, nämlich "ihre" Frage gestellt. Die meisten Fragen sind deshalb auch als Ausdruck persönlicher Erfahrungen oder Empfindungen zu verstehen. Sie gewähren einen Blick auf die Ängste und Hoffnungen, die viele Menschen mit den in Frage stehenden Entwicklungen in der Medizin und Biotechnologie verbinden.
Die Inszenierung "Wohin Gen?", die fast ausschließlich auf authentischen Fragen des Projektes beruht, versucht diese Dimensionen erfahrbar zu machen, indem sie den Fragen ein theatralisches Forum bietet und die persönlichen Emotionen und Ambivalenzen der Fragesteller offenbart. Im Kontext der Dialoge werden die Fragen – in künstlerischer Verfremdung und Brechung – als Bestandteil gesellschaftlicher Verständigungsversuche erlebbar. Sie vermitteln aber auch die Kraft des Fragens als Prinzip der Offenheit, Gesprächsbereitschaft und der demokratischen Diskussion.
Das Projekt 1000Fragen entzieht sich dem Druck des Pro und Contra; zu vielschichtig und komplex sind die Fragen, die verhandelt werden. Immer wieder erreichten die Aktion Mensch Anfragen, wie das Projekt denn "ausgegangen" sei: Ob sich eine Mehrheit nun für oder gegen bestimmte Forschungsanliegen oder -verfahren ausgesprochen habe. Solche Erwartungen verkennen das eigentliche Ziel des Projektes, das eben keine Abstimmung ist, sondern einen Austausch ohne Entscheidungsdruck ermöglichen soll. Das wichtigste Anliegen des 1000Fragen-Projektes ist das Plädoyer für eine nachdenkliche Gesellschaft, die sich der Grundlagen ihres Zusammenlebens bewusst ist und bereit, neue Herausforderungen so anzunehmen, dass das Prinzip der Solidarität und des Schutzes von Minderheiten nicht in Frage gestellt wird.
Wer sich auf die ganze Komplexität und prinzipielle Offenheit dieses Projektes einlässt, dem eröffnen die Fragen und Kommentare einen aufschlussreichen Einblick in verbreitete Haltungen, Denk- und Argumentationsmuster sowie die Grundlagen und den Stand der öffentlichen Meinung zu bioethischen Themen. Und sie bekräftigen – dies ist die wichtigste Botschaft an die Ehrengäste des Abends –, dass eine große Mehrheit der Bevölkerung nicht nur bereit ist, sich in die bioethischen Diskussionen einzubringen, sondern auch eine Qualifizierung und das Recht hat, mitzureden.
Die Uraufführung des szenischen Fragens "Wohin Gen?" fand am 24. September 2003 im Rahmen der "Nacht der 1000Fragen" statt.




